Der alte Wagner hat's nicht leicht - Foto: Imago

Ermordung des Lohengrin-Führers: Bayreuth und der Schützerkult

In der oberfränkischen Beamtenmetropole Bayreuth brennt die Hütte, genauer Richard Wagners Festspielhaus. Kraft ihrer Ermächtigung zur freudigen Führerin der Wagner-Festspiele strich die Urenkelin des berühmten Komponisten, Frau Katharina Wagner (44), das Wort „Führer“ in der romantischen Oper „Lohengrin“ aus der Partitur. Dort steht nun das Wort „Schützer“.

von Max Erdinger

Das Feuilleton ist entsetzt. Kein Führer mehr im Lohengrin? – Da geht die Partitur dahin. Der frühere Musikdirektor Christian Thielemann will den „Führer“ zurückhaben und ist entsetzt, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet: “ ‚Entschuldigung, aber wo kommen wir denn da hin? Dann kann man auch gleich viel mehr ändern, der ganze ‚Lohengrin‘ ist ja voll von solchen Stellen, ‚Für deutsches Land das deutsche Schwert!, all das‘, sagt Thielemann, der den ‚Lohengrin‘ dirigiert hat, im Interview der ‚Welt‘ und spricht von einem ‚Führer“-Skandal‘. ‚So steht es nun einmal in Richard Wagners Partitur.‘ “ – Die volle Punktzahl für Christian Thielemann. Bravo.

Wolfgang Hübner über den sinnentstellenden Effekt des Wortes „Schützer“: „Katharinas Veränderungen sind auch sinnentstellend und sinnverzerrend: Im ersten Fall brauchen der König und die bewaffneten Mannen nämlich keinen Schützer, sondern einen Führer für den Kampf gegen den Feind aus Osten. Begeistert singen der König und seine Krieger: „Für deutsches Land das deutsche Schwert! So sei des Reiches Kraft bewährt!“ Doch Lohengrin, gekommen als „Schützer von Brabant“, steht für diese Rolle nicht mehr zur Verfügung, weil er seine Aufgabe erfüllt hat und er am bewegenden Ende der Oper den einst verschwundenen Herzog präsentieren kann. Der kann aber schon kraft seiner herausgehobenen Stellung kein „Schützer“, sondern muss Brabants legitimer Führer sein.

Deutsches Reich 1871 1918
Deutsches Reich zu Wagners Zeiten – Screenshot „Deutsche-Schutzgebiete.de“

Das haben sie jetzt davon, die Wagners, daß der Schützer des deutschen Volkes ein riesiger Fan des Wort- & Tonkünstlers Richard gewesen ist. Wagners Schwiegertochter Winifred betrachtete den Schützer wie ein Familienmitglied. Wann immer es ihm die Vorsehung gestattete, kam der Schützer zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth. Und da Bayreuth so trefflich auf der Achse München-Nürnberg-Berlin liegt, schaute der Schützer auch zwischendurch öfter mal bei Winifred vorbei. Dann ertönte vom Beifahrersitz der Befehl an den Schützer-Chauffeur Erich Kempka: „Verlassen Sie die Route, Kempka, und setzen Sie mich auf eine Tasse Kaffee bei meiner Bewunderin & lieben Freundin Winifred ab. Waschen Sie inzwischen den Wagen!„.

Der Schützer selbst hatte nämlich keinen Schützerschein, obwohl er sehr an Automobilen interessiert gewesen war, wie man an seiner Begeisterung für den deutschen Volkswagen erkennen konnte. Ganz Bayreuth verfiel in einen Freudentaumel, wenn der Schützer auf einen Kaffee zu seiner Freundin Winifred in die oberfränkische Beamtenmetropole kam, so daß sich der Schützerkult jedes Mal zu seiner vollbraunen Blüte entfaltete.

Schützerzug

Wenn der Schützer allerdings mit der Reichsbahn unterwegs gewesen ist, erging selten der Befehl an den Lokschützer im Schützerstand, in Bayreuth ein Kaffeepäuschen für den Schützer einzulegen. Im Schützerwaggon des Zugs trank der Schützer seinen Kaffee auf der Schützerwaggon-Achsen-Achse München-Nürnberg-Bayreuth-Berlin „rrrollend überrr derrr Rrreichsschiene„, während er an Richards Opernstädtchen vorbeifuhr. Schlürfend blickte er dabei sehnsüchtig über den Tassenrand und aus dem Fenster des Schützerwaggons hinüber zu Richards Schwiegertochter Winifred, die ihm vom Balkon aus blond mit einer Häkelkreuzflagge zu- & nachwinkte, bis der Rauch aus der Dampflok des Schützerzugs hinter der schiefen Ebene zwischen Bayreuth und Münchberg verschwunden war.

Schützerflugzeug

Wenn es der Schützer eilig hatte, ließ er sich auch von seinem Flugzeugschützer Hans Baur von Berlin aus nach Nürnberg – oder gleich bis nach München in die „Hauptstadt der Bewegung“ fliegen. Wir wissen nicht, wie oft der Schützer dem Schützerpiloten Baur den Befehl erteilte, das Schützerflugzeug am Bindlacher Berg bei Bayreuth auf den Grund- & Blutsboden des Gaus Oberfranken herniederzubringen, um sich von dort mit einem Volksmercedes der Putzstaffel (PS) auf einen Kaffee ins Städtchen zu seiner Freundin Winifred bringen zu lassen, die ihn in einem solchen Fall schon mit einer dampfenden Tasse frisch gebrühter Braunbohnen in der Hand freudig erwartet hätte. Der Schützerhubschrauber war damals noch nicht erfunden. Sonst hätte der Schützer den genommen, um direkt vor der Villa Wahnfried auf dem Rasen zu landen.

Schöner wäre das gewesen, als popelig in einem Volksmercedes der Putzstaffel  bei Winifred aufzuhäkelkreuzen. Man stelle sich das vor: Der Schützer landet mit dem Schützerhubschrauber im Garten der Villa Wahnfried, steigt – fröhlich das Wort „Führer“ aus dem Lohengrin trällernd – „Füh-füddel-di-Füüüührer“ – aus dem Schützerhubschrauber und schreitet lächelnd über den Rasen hinüber zur großen Gartentreppe, wo ihn Richards Schwiegertochter bereits mit einer antisemi … aromatisch dampfenden Tasse Kaffee erwartet, um ihn mit den Worten „Heil mein Schützer!“ zu begrüßen, während sie ihm zärtlich ein Stückchen Panzerschokolade in den Schützermund unter dem Bärtchen einführt. Einschützt. Der Schützer das Großmaul sperrangelweit offen wie beim Zahnarzt: „Grüß Gott – schmatzlutschmampf – schön, liebe Wini – schmatzgrrgl – fred!“

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„Heute keine Panzerschokolade für deinen Schützer, Winifred? – Hab ich selber gegessen, mein Schützer, hihihi“ – Foto: Imago

Die Wagner-Urenkelin Katharina hat schon recht. Man muß das Wort „Führer“ wirklich aus dem Lohengrin streichen und es durch das Wort „Schützer“ ersetzen. Das ist schon mal ein guter Anfang, um mit dem ganzen braunen Scheiß aufzuräumen. „Mein Kampf“ in gerechter Sprache, in leichter Sprache und so einem Zwischending namens „leicht gerechte Sprache“ wäre auch nicht verkehrt. Und weil der Schützer Vegetarier gewesen ist, kann man künftig statt „Reichsparteitag“ auch „Veggie-Day“ nehmen. Der Volkswagen ließe sich umbenennen in einen Folkswagen – „Hi Folks!“ – und mit FW abkürzen … obwohl … moment … keine gute Idee. Zuletzt würden die „Millionen von Rechten“, von denen es im übriggebliebenen Schnipsel von Wagners ehemaligem Reich immer mehr gibt, behaupten, das sei die Abkürzung führ … für „Führerwagen“.

Wenn man sich das Ganze einmal gründlich überlegt im Lande des Fahrradhelmchens und der Schutzbehauptung, der Pandemie-Maßnahmen, der Schutzhaft und der Schutz-„Impfung“, kommt man auch drauf, daß es gar kein so weiter Weg ist vom Führerstaat zum Schützerstaat. Na dann: Schützerschein, Schützerstand, Führenfest …

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